Kleine Idee – große Wirkung

Fünf Minuten, die Kindern die Prüfungsangst nehmen.

Wieder gute News vom Deutschen Schulportal, dieser Artikel ist 1:1 von ihnen übernommen:

 

Manchmal sind es kleine Dinge, die erstaunliche Effekte auslösen. Zum Beispiel an der Integrierten Gesamtschule Bonn-Beuel: Dort können sich die Schülerinnen und Schüler zu Beginn einer Klassenarbeit fünf Minuten mit einer Partnerin oder einem Partner über die Aufgaben austauschen. Kristian Becker, Koordinator für Schulentwicklung, und Carsten Kroppach, Didaktischer Leiter, berichten für unsere Reihe „Kleine Idee – große Wirkung“, was diese fünf Minuten verändert haben – nicht nur während der Klassenarbeiten.

Das Problem

Wenn wir dürften, würden wir nur alternative Prüfungsformate einsetzen. Aber das ist nur einmal im Jahr erlaubt. Die Schülerinnen und Schüler müssen also Klassenarbeiten oder Klausuren schreiben, ob wir wollen oder nicht. Das Problem ist: Wir prüfen dabei eher die Stressresilienz als die tatsächlichen Kompetenzen der Kinder. Das finden wir unfair. Deshalb haben wir überlegt, wie wir den Stress reduzieren können, damit die Kinder zeigen können, was wirklich in ihnen steckt. Gleichzeitig wollten wir ein kooperatives und sprachliches Element in die Prüfungssituation einbringen. Aus didaktischer Sicht ist Kommunikation viel wertvoller, als nur ein Produkt aufs Papier zu bringen.“

Die Idee

„Die Kinder erhalten die Klassenarbeit und können sich dann fünf Minuten mit einer vorher festgelegten Lernpartnerin oder einem Lernpartner über die Aufgaben austauschen. Dabei dürfen sie nichts aufschreiben, sondern nur reden. Danach schreiben alle für sich die Arbeit in der vorgesehenen Zeit. Auf die Idee sind wir durch das Institut für zeitgemäße Prüfungskultur gestoßen. Der Austausch ist eines von mehreren Elementen, die die Lehrkräfte situativ einsetzen können. Zum Konzept der Schule für angstfreie Klassenarbeiten gehören unter anderem auch Lernmappen bzw. Lerntagebücher.“

Die Umsetzung

„Wir sind eine große Schule, da können Schulentwicklungsprozesse schon etwas länger dauern. In diesem Fall ging alles sehr schnell: Wir haben die Idee im gesamten Kollegium vorgestellt, und alle waren direkt überzeugt. Wichtig ist, die Veränderung im Unterricht gut vorzubereiten, denn es braucht ein paar Regeln.

Es darf nach der Klassenarbeit zum Beispiel nicht zu Vorwürfen kommen. Die Verantwortung, ob man einen Tipp annimmt oder ob man lieber dem eigenen Wissen vertraut, liegt immer bei einem selbst. Wichtig ist auch, vorab darüber zu sprechen, wer denn eine gute Lernpartnerin oder ein guter Lernpartner sein kann. Auch Dreiergruppen sind möglich. Es muss nicht nur sozial zwischen den Kindern oder Jugendlichen passen, sie sollten auch inhaltlich nicht zu weit auseinanderliegen. Das leistungsstärkste Kind als Partner zu haben, kann auch ein Nachteil sein. Das Matheass wird das Problem seines Freundes oder seiner Freundin mit der Matheschwäche womöglich gar nicht nachvollziehen können und beim Erklären Wissen voraussetzen, das nicht vorhanden ist. Eine solche Konstellation bringt beiden nichts.“

Die Wirkung

„Es ist schön, zu beobachten, welch angstfreie Stimmung diese fünf Minuten in der Klasse auslösen. Die Kinder und Jugendlichen sind sehr fokussiert, weil sie die kurze Zeit optimal nutzen wollen. Diese Fokussierung lenkt sie von ihrer Angst ab. Sie können Fragen stellen, und das gibt ihnen Sicherheit. Alle Schülerinnen und Schüler haben uns in Befragungen rückgemeldet, dass sie nach diesem kurzen Austausch auch den Rest der Stunde entspannter mit der Klassenarbeit umgehen. Sie sind nicht mehr blockiert und können zeigen, was sie können. Das spiegelt sich auch in den Noten wider: Es gibt weniger Fünfen oder Sechsen.

Auch außerhalb der Klassenarbeiten stärken die fünf Minuten die kooperativen Kompetenzen der Kinder. Wir empfehlen ihnen, die Konstellation für die Arbeit in den kooperativen Lernsettings im Unterricht schon auszuprobieren. Die Schülerinnen und Schüler können inzwischen schnell erkennen, wo ein Problem liegt, und dieses dann auch sprachlich auf den Punkt bringen. Denn es bringt wenig, in der kurzen Zeit alle Aufgaben der Reihe nach durchzugehen. Das ist ein bemerkenswerter Lernfortschritt.“

Ein Aufruf an alle Lehrenden: Die Rubrik „Kleine Idee – große Wirkung“ soll regelmäßig befüllt werden, habt ihr in eurem Unterricht und Lehralltag schon einmal eine solche vergleichsweise kleine Veränderung eingeführt, die sich ungemein bewährt hat? Dann schreibt an redaktion@deutsches-schulportal.de